Gestern auf der Piste gewesen. Wollte mich besaufen und/oder mit einem Kerl knutschen. Therapeutisch. Ersteres gelang mir vollkommen, inklusive Diskussion in der Dorfdisse um vier Uhr morgens, weil ich einer Fünfzehnjährigen, die mich mit ihrer Zigarette gestreift hatte, einen Arschtritt verpasste und es zu einem kurzen, durchaus amüsanten Handgemenge kam. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zweiteres gelang mir nicht. Die Leute dazu hätte ich zwar zusammengebracht, aber der verfickte Meister will ja gleich die ganze Hand. Woraufhin mir die Lust auf den kleinen Finger auch gleich verging. Ungeknutscht und wieder nüchtern, wies ich ihn heute darauf hin, dass er mal seine Prioritäten ordnen sollte. Woraufhin er mit einem unmoralischen Angebot konterte. Manche Menschen ändern sich nie. Das einzige, worauf ich mich einlassen wollte, war ein gemeinsamer Abend vor der Glotze ohne Knutschen und Gefummel. Den ich dann wieder absagte. Der Meister ist nicht für Fernsehabende gemacht. Und ich nicht für den Meister.
Soziale Kompetenz ist das eine, den seelischen Mülleimer spielen etwas anderes. Über ungesundes Mitgefühl.
Mein Handy klingelt. Ich stöhne innerlich auf, lasse mir aber nichts anmerken. Es wäre schön, wieder mal zu denken: „Oh, mein Handy klingelt. Jemand möchte sich nach meinem Befinden erkundigen.“ Aber das denke ich schon lange nicht mehr. Die letzten Anrufe waren von:
Miss C, die ihre Sportsucht und Essstörung mit Saufgelagen und hyperaktivem Gossip bekämpft, immer nur auf das Schlimmste gefasst ist und daher neulich prompt von einem Hund gebissen wurde,
Mister M, der sich alle fünf Minuten neu verliebt, meine Ratschläge, nicht so zwanghaft auf der Suche zu sein, ignoriert, und nur fragen wollte, ob ich Lust hatte, als Abspüler zu arbeiten, weil sein Kollege ausgefallen ist,
Miss V, die nach zwei Monaten schmerzhaftem Abnabelungsprozess wieder freudig mit ihrem Ex um die Häuser zieht, der sie betrügt, schlägt und ganz allgemein nicht der netteste Mensch ist.
Nun möchte man denken: „Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.“ Falsch. Denn die gibt es ja auch noch. Da wären Miss E, die eine Schmutzkampagne gegen mich durchzieht, weil ich sie als Lästermaul geoutet habe, und mein Ex-Mister Pringle, der überhaupt nicht erst anruft, sondern mich in seinem Schweigen und seiner Tatenlosigkeit zu ertränken versucht.
Wenigstens habe ich meine Arbeit. Ha. Der war gut. Ein schmieriger Typ bombardiert mich mit Anrufen, weil er eine tolle Geschäftsidee hat, für die ich genau die Richtige bin. Leider kam es bisher zu keinem Treffen, weil ihn sein kleines Alkoholproblem daran gehindert hat. Beim letzten Vorstellungsgespräch wurde ich nach meiner Abiturnote gefragt. Miss R wollte mich als Tippse missbrauchen. Und seit Wochen hagelt es nur mehr Absagen, wenn es um die letzten Geschichten für mein Buch geht.
Ich weiß, ich sollte das Telefon ausschalten und mich irgendwo verbarrikadieren, bis es mir besser geht und ich das Unglück nicht mehr anziehe. Ist halt auch nicht so einfach als Freiberuflerin und – ich gebe es ja zu – in ihren Gefühlen verletzte Sitzengelassene mit angeblich zu dickem Hinterteil.
Neulich rief der Meister an:
„Ich wollte nur mal fragen, wie es dir so geht.“
Freunde. Im richtigen und virtuellen Leben.
Familie. Immer.
Der Gedanke daran, dass der nächste Urlaub bestimmt kommt.
Jahreswechsel. Immer wieder ein Neubeginn.
Seine Stimme am Telefon. Die Stimme, nicht die Worte.
Liebeskummer macht schlank.
Komplimente von anderen Männern.
Komplimente von anderen Frauen.
Besser geliebt und verloren zu haben als ein Leben ohne Höhen und Tiefen.
Mein Buch. Fast fertig.
Die Berge. Der Schnee. Die Stille.
Frohes Neues Jahr!
Und ist seit heute offiziell Single. Einen verzweifelten Versuch gestartet und Mister Pringle angerufen, um zu sehen, ob er vielleicht auf einen grünen Zweig gekommen ist. Nix. Nada. Niente. Zitat: besser so, zu unreif für eine Beziehung, traurig aber wahr, schöne Zeit und gute Freunde bleiben. Das Übliche. Was man halt so sagt, wenn man den Trauernden spielt, aber im Grunde froh ist, dass sie die Beziehung beendet. Ich hasse ihn, und das ist gut so. Jetzt, in diesem Moment. Auf die Dauer will ich ihn nicht hassen. Ich habe ihn geliebt, so wie ich alle meine großen Lieben geliebt habe, halt nur ein bisschen mehr. Und ich habe viel für diese Liebe getan, viel mehr als für andere, vielleicht zu viel? Ist ja auch egal, jetzt.
Ansonsten: Buch wird dieses Jahr noch fertig, und wenn ich nächtelang schreibe, Auftragslage für Januar ist gesichert, und in den Urlaub geht's alleine. So.